Das Endspiel (Kurzgeschichte)

„Ohne Schale, Mama!“
Sabines Hand blieb in der Luft hängen.

Der große, gelbrote Apfel glänzte in der Morgensonne, die bereits jetzt, ganz früh, einen wunderschönen Sommertag verkündete.
„Du weißt, unter der Schale befinden sich die meisten Vitamine.“ Sie schaute in die aufgeweckten blauen Augen ihres Sohnes, der fröhlich den Toast und den Kuchentisch mit Schokobutter beschmierte.
„Ich mag keine Apfelschale!“, kam trotzig zurück. „Sie ist hart und bleibt im Hals stecken. Ich esse keinen Apfel mit der Schale.“ stellte er entschieden fest. Mit einem tiefen Seufzer versuchte Sabine, den Apfel so dünn wie möglich zu schälen, nahm die gekringelte Schale in den Mund und kaute an ihr genüsslich. Mark verdrehte die Augen und sprang vom Stuhl.
„Mama“, er schaute zum Fenster, „du weißt, dass wir heute das Endspiel spielen?“ Erwartung klang in seiner Stimme.
„Na klar. Um 16.00 Uhr“, bestätigte sie beschwingt. Ihr großer Junge! Zehn Jahre und bereits der Kapitän, dachte sie stolz. Er war ein richtiges Talent in der Fußballmannschaft des örtlichen FC. Heute stand das letzte Spiel vor der großen Sommerpause auf dem Programm. Sabine freute sich auf den Nachmittag.
Die Elf ihres Sohnes war in dieser Saison so gut, dass sie eigentlich nur Gewinne verzeichnete. Heute kickten sie das letzte Mal – und es war auch Sabines letzter Tag mit Mark, denn morgen sollte er in die Ferien zu Papa fahren.
Für fünf Wochen! Ihr Exmann bestand darauf, Mark in den
Sommerferien nur für sich alleine zu haben. Es war ihr eigentlich auch recht, Mark gut versorgt zu wissen und außerdem hatten die beiden sich sonst nicht oft gesehen. Daher gönnte Sabine ihnen diese Zeit, obwohl sie ihren Sohn sehr vermisste.
Jetzt freute sie sich auf das Spiel und die Krönung des Nachmittags – das Abendessen mit Mark in seinem Lieblingsrestaurant mit dem riesigen Abendbuffet.
„So mein Großer, mach dich fertig. Wir müssen los.“ Sie fuhr zärtlich durch seinen blonden Schopf und die trotzig abstehende Strähne, die sich immer selbstständig nach oben verdrehte.
„Ja, Mama.“ Mark verschwand in seinem Zimmer. Sabine schaute kurz ihr Spiegelbild an, fuhr mit der Bürste flüchtig übers Haar, glättete eine Falte auf ihrem Rock, stellte sich an der Tür und wartete. Als Mark endlich fertig wurde, nahm sie seinen, schweren Schulranzen und folgte ihrem Sohn die Treppe herunter.

Der Tag im Büro war anstrengend. Am Nachmittag freute sich Sabine, gleich der schwülen Atmosphäre zu entkommen.
„Frau Weber“, erschrocken blickte sie zu ihrem Vorgesetzten, der überraschend hinter ihr auftauchte, „diese Angebote müssen noch heute raus.
„Aber Herr Wolf…“
„Ja, Frau Weber?!“ Seine Stimme klang auf einmal kalt und Sabine wurde klar, dass sie sich nicht widersetzen durfte. Dass sie überhaupt nichts dagegen tun konnte. Sie würde heute bis zum Abend im Büro sitzen müssen.
„Nichts. Entschuldigen Sie.“ Ihr Magen verkrampfte sich und ihre Augen glänzten nass, als sie ihre Freundin Monika anrief, die sich in solchen Fällen um Mark kümmerte.

„Tor, Tor!“ Wildes Schreien erfüllte die Gegend. Mark
schaute verstohlen zur Zuschauertribüne. Keine Sabine zu sehen.
Mist, Mist! Wie konnte sie mir das antun! Seine Mannschaft hob ihn hoch und er wirbelte durch die Luft.
„Bravo Mark! Super Jungs! Großartig!“ Der Trainer strahlte seine Mannschaft an und Mark strahlte zurück. Dann blickte wieder umher, konnte aber seine Mutter nirgendwo entdecken. Die Siegerehrung, die schönen Preise. Alles, worauf er sich so sehr freute, verblasste und machte keinen Spaß mehr.
Monika drückte ihn und seinen Freund Jonas an sich fest. „Ihr wart toll! Ihr Sieger!“ Stolz betrachtete sie Jonas und Mark.
„Kommt, lass uns zu Hause feiern! Wollt ihr jetzt etwas essen?“ sie blickte Mark fragend an.
„Danke, nein“, er kramte in seiner Sporttasche, holte die Frühstücksbox hervor, öffnete sie und nahm seinen Apfel ohne Schale in die Hand. Fest umklammerte er die Frucht – und wenn er Monicas blöde Fragen nicht gefürchtet hätte, hätte er diesen doofen Apfel meilenweit weggeworfen. So weit, dass er seiner blöden Mutter auf ihren blöden Schreibtisch fiel! Tränen erfüllten seine Augen und er musste ganz schnell hintereinander schlucken, damit Jonas nichts bemerkt.